Lärm im Kopf /
Noise in my Head

Clarina Bezzola
Galerie Antje Wachs , Berlin, Germany


6. Sept. – 18. Oktober 2008


Vernissage: Freitag, 5. Sept. 18 – 21 Uhr

Die Galerie Antje Wachs freut sich, neue Arbeiten der Schweizer Künstlerin Clarina Bezzola in ihrer zweiten Einzelausstellung in der Galerie zu zeigen.

Schon seit Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn beschäftigt sich Clarina Bezzola mit oftmals persönlichen, psychologischen Themen, ihr Werk setzt sich inhaltlich mit unterdrückten Emotionen und Gedanken auseinander. So hat sich die Künstlerin lange mit selbstschützenden Verhaltenmustern auseinandergesetzt, die sie als Schutzschilder bezeichnet. Welche Methoden setzt man ein, um Verletzlichkeiten und Schwächen zu verbergen und sich den gesellschaftlichen Anforderungen zu stellen?
Nach Clarina Bezzola sind eines dieser Schutz bringenden Elemente die eigenen Gedanken. Durch rationales Durchdringen und Analysieren von oftmals eigentlich emotionalen Vorgängen verschafft sich der Mensch das Gefühl von Stärke und Sicherheit. Gleichzeitig entfremdet er sich von seinem eigenen Körper, der nur noch als Hülle wahrgenommen wird. Er erliegt der Vorstellung, vermehrtes Denken fördert eine bessere Realität…aber eben auch den Lärm im Kopf.

Betritt der Besucher die Galerie, findet er sich inmitten einer Installation, welche die oben beschriebene welt- und körperentfremdete Situation vermittelt. Eine Menschenmenge von etwa 35 hautfarbenen Gummiköpfen, die mittels unsichtbarer Seidenfäden von der Decke herab hängen, bevölkern den unteren Raum der Galerie. Die Kahlköpfe besitzen weder individuelle Charakterzüge, noch sind von ihren Gesichtern Emotionen abzulesen. Ihr Bezug zum eigenen Körper ist verloren, so dass sie isoliert und scheinbar schwerelos im Raum schweben.
Beim Herantreten an die Köpfe revidiert sich der erste, recht distanzierte Eindruck der Installation, denn aus jedem Kopf vernimmt man einen individuellen, frei assoziierten Monolog. 
Für diese Arbeit hat die Künstlerin Personen, die in ihrem eigenen Denken einen besonderen Stellenwert besetzen, aufgefordert, eine halbe oder ganze Stunde lang alleine in einem Raum zu sitzen und jegliche Gedanken, die ihnen durch den Kopf gehen, auszusprechen und aufzunehmen. Clarina Bezzola geht es bei diesen Monologen weniger um den spezifischen Inhalt, als um die generelle Atmosphäre, die jede einzelne Persönlichkeit auszeichnet. So erlebt der Besucher das Wandern durch diese Installation als intensiv und intim. Die Körperlichkeit der Köpfe tritt vermehrt in den Hintergrund und macht Platz für eine Landschaft, die ausschließlich aus abstrakten Gedanken besteht.

Im oberen Galerieraum sind Gouachen und Fotoarbeiten der Künstlerin zu sehen. Auch diese Arbeiten stellen verschiedene Szenerien von in Gedanken verlorenen Individuen dar. Das in diesem Raum dominierende Werk  zeigt in einer 3 Meter langen Gouache eine gleichsam apokalyptische Situation einer Ansammlung von Köpfen, die in einer weiten Landschaft liegen. Blind vor sich hin denkend, werden sie plötzlich von einem übermächtig großen Daumen überrascht. Dieser unerwartete Eindringling, der wie ein Blitz aus dem Himmel auf die Erde stößt, erdrückt die Träumenden auf einen Schlag, was ein Aufplatzen der Schädel und das Entweichen aller Gedanken bewirkt.
Die Fotoarbeiten zeigen die Künstlerin im Gespräch mit sich selbst versunken. Sogar bei dem Besuch idyllischer kultureller Sehenswürdigkeiten kann sie nichts genießen, weil ihr ein Gummikopf ins Gesicht gebunden ist, mit dem sie heftig diskutiert.

Im Projektraum der Galerie ist eine Videoarbeit über das Thema Werten und Urteilen zu sehen. Der Film zeigt wiederum die Künstlerin selbst, wie sie durch die Strassen New Yorks wandert. Dabei trägt sie  zwei große Finger, die an jedem ihrer Arme befestigt sind. Die Hände sind komplett eingekapselt, die eigene Handfertigkeit und das Gestikulieren wird auf  Zeigen und Hindeuten reduziert. Clarina Bezzola betitelt diese Finger „Judgement-gloves“  (Bewertungshandschuhe), da sie durch diese ihren eigenen Hang zum ständigen Werten und Urteilen demonstrieren kann. Sie selbst sieht im Ausüben ständiger Kategorisierung und Hierarchisierung, in Auf- und Abwertung, die Gefahr der Isolation des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft.